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Lebensalter



ein Beitrag von Steffi Beckmann (01.02.2005)


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    "Hallo"

    Und wieder so ein Tag an dem sich Fassungslosigkeit breit macht. Erschreckendes Entsetzen und letztendlich heulendes Elend reichen sich die Hände, schütteln sich warm.
    Ich stehe in diesem steril getünchten Hausflur, den Türknauf noch in der Hand. Wartend auf meinen Fahrgast. Während ich mit einem gekonnten Schnipp den Rest meiner Zigarette in den Rinnstein befördere, kreisen meine Gedanken zwanglos in meinem Hirn.
    "Hallo, Hallo" höre ich es schallen, durchdringend, gleichzeitig zerbrechlich, splitternd wie Glas. Es hat keinerlei Bedeutung, für mich. Es kann mich nicht meinen, ich warte hier nur. Gehöre gar nicht hier her. "Hallo, Hallo" da ist es schon wieder, fordernder. Ich wische es weg, denn es stört mich, irgendwie.
    Meine Hand friert langsam am Türknauf fest. "Hallo, Hallo, jetzt habe ich dich erkannt", klingt es. Fast erleichtert denke ich: "Schön, endlich." Das Wippen meiner rechten Schuhspitze wird ungeduldiger. Mein Fahrgast sucht kramend in ihrer abgenutzten Handtasche nach dem Wohnungsschlüssel. Bereit für die wöchentlich wiederkehrende Fahrt ist sie nie. Inzwischen wird es höchste Zeit. Da ist es wieder dieses "Hallo", bettelnd, es macht mich mürbe, tut weh in meinen Ohren. Mein Fahrgast sagt, "dass geht nun schon seit 30 Minuten so". Nach der Ursache zu suchen, daran dachte sie zwar, doch es ist ihr unmöglich. Leider. Sie kann die Treppen nicht steigen, sie selbst ist gebrechlich und alt. Keiner im Haus steigt die Treppen nach oben, niemand ist da der es könnte.
    Ich könnte, ich bin jung und gesund. Mein Fahrgast nimmt im Wagen Platz, während ich um Verständnis bittend zurückkehre, in den Hausflur. Ich beginne das "Hallo" zu suchen. Es steht irgendwo in einer Tür, verloren, alt und hilflos. Es ruft, ruft nach mir!? Es sieht mich nicht. Ich kenne es nicht. Ich kenne nur den Hausflur, seit Jahren. Es muss dringend zur Toilette ruft es, das "Hallo". Auch das noch, und das passiert ausgerechnet mir, einer vollkommen Fremden. Ich steige die Treppen weiter nach oben und nun sehe ich es zum ersten Mal. Wir stehen uns direkt gegenüber. Es bekommt ein Aussehen. Ein kurzes, aufflackerndes, vermeintliches Erkennen erleuchtet den Hausflur.
    Eine alte Dame, ist die Ruferin. Ihr ehemals weißes T-Shirt hatte sicher auch schon bessere Tage gesehen, genau wie sie selbst. Ich erkenne Spuren der letzten Mahlzeiten, nicht gerade wenige. Mit der offenen Vertrautheit eines dreijährigen Kindes bittet sie mich zu sich herein. Sich stützend auf eine vierrädrige Gehhilfe. Froh ist sie, der Einsamkeit entkommen zu sein, diesmal. Der Gang zur Toilette, vergessen. Unkenntnis darüber wer oder was ich bin. Nicht einmal wissend, wer oder was sie ist.
    Ich helfe ihr zurück in ihren Sessel, ein Glas Orangensaft auf dem Tisch, daneben eine Lesebrille, keine Zeitung. Im Chaos des Zimmers empfängt mich eine drückende Schwüle. Es riecht unangenehm, ich kann kaum atmen. Ekel kriecht mich an oder ist es mein eigenes Entsetzen?
    Gehorsam bleibt sie in ihrem Stuhl. Bevor ich die Wohnungstür hinter mir zu ziehe, bittet sich mich Herrmann zu suchen. Sie vermisst ihn, sie braucht ihn, sie wartet auf ihn. Ihren Herrmann.
    Wieder im Auto sitzend empfinde ich den Schmerz dieses Jammerbildes, bohrend, stechend. Ich kann es kaum glauben. Wer ist Herrmann?
    Während ich den Motor starte, sagt mein Fahrgast seufzend: "Das war Frau P. Sie hat Alzheimer, seit Jahren."

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