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Trauer/Tod und Erinnerungen |
ein Beitrag von Renate Ivanisevic 02.06.2004 Sollten auch Sie ein Erinnerungsthema veröffentlichen wollen, schicken Sie das Kontaktformular Falls gewünscht, kann auch eine kleine Grafik/Bild neben dem Text mitgeschickt werden. | Lena lauscht den Schatten Von der Strasse dröhnt Basler Fasnachtsmusik, Pfeifen und trommeln, Menschen tänzeln maskiert umher und verkleiden die Gassen mit Konfetti. Lena sitzt am Schreibtisch in ihrem grossen leeren Büro. Gespenstisch ruhig ist es da, im Vergleich zum Treiben auf der Strasse. Sie schiebt eine Diskette in den Schlitz des Computers und beginnt zu schreiben: Roger Nun bist du schon so viele Jahre in der Zwischenwelt und ich stehe hier, rühre mich nicht von der Stelle und warte auf Dich. Mein Leben ist wieder ein Schwarzweissfilm geworden, seit du gingst und das Sonnenlicht deiner blauen Augen mitnahmst. Die ganze Welt hat sich verändert, ist kälter, gleichgültiger. Auch ich bin inzwischen vergraut,verfilzt, verweht, weil ich schon so lange vergeblich auf dich warte, während ich in jedem Sonnenstrahl einen kleinen Teil von Dir wahrnahm, dich in jeder frischen Morgenluft erschnupperte, bis deine Spur sich verflüchtigte und du zu einem Gespenst in meinem Kopf wurdest. Ob es dich wirklich gegeben hat? Was deine Faszination ausmachte, vermag ich nicht mehr zu sagen, aber die letzten Jahre seit du gingst, haben eine Trennwand zwischen uns geschoben, welche aus den Dingen besteht, die inzwischen passiert sind, die du nicht mehr miterlebt hast; so dass die Wand mit jedem Tag, der uns voneinander trennt, dicker wird. Manchmal mache ich mich auf die Suche nach Dir, surfe im Internet und bilde mir ein, dass ich in dieser grossen virtuellen Welt die Lösung des Rätsels finden werde; suche Berichte von Kommunikation zwischen Verstorbenen und ihren Angehörigen,von solchen wie wir zwei sind, von Toten Liebenden. Ich suche Trost und die Hoffnung, dass wir uns wieder sehen werden. Manchmal wünschte ich, dass du mir nochmals ein Zeichen gibst, oder dass mein Gehirn mir nochmals Zeichen von Dir vorgaukelt, nochmals irgendeine Sequenz vorspielt, ein lange vergangenes Glücksgefühl in mir erweckt, irgendein altes Programm abspielt, mir das Gefühl deiner Anwesenheit vermittelt, oder wenigstens einen Traum mit Dir beschert. Zeichen gab es früher viele, keine Frage. Als ich an deinem Krankenbett stand, und mir auffiel, dass das Krankenhauszimmer das gleiche Zimmer war, von dem ich 9 Jahre zuvor geträumt hatte, das Zimmer mit Blick auf einen Fluss und eine Landschaft. Dann, als deine Uhr stehen blieb und ich Dir meine geben wollte. Als ich am Fenster stand, Dich anblickte und Dich in einen kobaltblauen Ring aus Licht eingehüllt sah, hätte ich es wissen müssen. Und als ich in jener Sekunde als du starbst mit der Krankenschwester telefonierte- sie mich fragte, ob ich sitze. Da wusste ich noch genau wo du bist und was Dir widerfährt. In der ersten Nacht nach deinem Tod, als um 3 Uhr morgens mich eine Anwesenheit weckte, ein violettes rundes Licht plötzlich Liebe und Geborgenheit in mein Zimmer zauberte und ich wusste, dass dieses violette Licht du bist. An deiner Beerdigung, als mir etwas unendlich zärtliches, liebliches die Wange streichelte. Damals waren wir noch verbunden. Oder, mein Gehirn spielte mir einen Streich, ich weiss es selber nicht. Heute sind diese Zeichen verblasst, vergilbt, und das Depot an Glücksgefühlen, welche Du mir geschenkt hast, von denen ich die letzten 8 Jahre gelebt hatte, wird immer rarer, immer kostbarer. Ich kann das Glücksgefühl nicht produzieren, ohne Dich; die Formel hast du mitgenommen, mein Lieber. Viele Frühlinge und Sommer sind seither vergangen. Ich lausche jetzt den Schatten, suche dich in den dunkeln Farben, mit denen ich mein Dasein zu verkleiden versuche. Ich bin eine Spurenleserin geworden, versuche, die Zwischenwelt zu finden, in welcher du lebst. Wenn ich sie erahne, und es mir manchmal unbeabsichtigt gelingt, das Gefühl deiner Anwesenheit herbeizuzaubern, zum Beispiel in einem meiner Bilder, welche eine verklärte Landschaft zeigen, von der ich glaube, dass sie dir gefallen hätte, bin ich zwar für einen kurzen Moment getröstet, aber bald darauf wird mir ernüchternd bewusst, dass ich in meiner Welt gefangen bin und du in deiner. Da du das Genie in der Familie warst, konntest du mich erreichen, nicht aber ich dich. Ich weiss nicht mehr, wo du bist, Roger. Ich bin an diesem Ende des Tunnels und warte auf dich, warte auf einen Hauch eines Zeichens von dir. Ich werde dich immer lieben, Lena Lena beendet ihren Brief an Roger, zieht ihre Jacke an und geht in Richtung Tramhaltestelle. Auf der Strasse glänzt ein Gegenstand. Lena bückt sich und findet einen Falter aus Plastik, den ein Kind verloren haben muss. Sie schnuppert am Falter und steckt ihn ein. Wie ein Tier nähert sich lautlos die Strassenbahn. Zu Hause betrachtet sie den Falter lange, lächelt wissend und zündet eine blaue Kerze an für Roger. |