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Kindheit
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ein Beitrag von Brigitte Pulley-Grein (16.06.2004)
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Innehalten bei einem alten Klassenfoto.
Beim Durchstöbern alter Fotos, auf der Suche nach einem brauchbaren Bild aus meiner Kindheit, fiel mir eines in die Hände, das uns als Dritt- und Viertklässler auf der Treppe vor der Volksschule in Sielen zeigt. Mein Jahrgang, die dritte Klasse, bestand aus fünf Mädchen und sieben Jungen. Mein Blick fiel gleich auf einen Jungen aus meiner Klasse; er war der kleinste und schmächtigste von allen, der Georg. Dieser "gewichtige" Name wollte so gar nicht zu ihm passen. So kam es denn auch, dass Georgs Mutter am Tag seiner Einschulung zu unserer Lehrerin sagte, dass wir ihn ruhig "Stummel" nennen dürften, weil er zu Hause auch so gerufen würde; denn er sei ja nun mal kaum größer als ein Bleistiftstummel. Damit war und blieb er für uns der Stummel; er trug seinen Namen mit Gelassenheit.
Was mich persönlich aber besonders mit Stummel verband, war unser gemeinsamer Geburtstag; uns trennten in der Nacht unserer Geburt lediglich zwei Stunden und zwei Häuser voneinander.
Obwohl meine Eltern mir aufgrund der damaligen finanziellen Not keine Geburtstagsfeier ausrichten konnten, so habe ich mich doch immer sehr auf diesen Tag gefreut. Zum einen durfte sich jedes Geburtstagskind in der Schule ein Ständchen wünschen, das die Klasse ihm zu Ehren dann gesungen hat. Zum anderen wurde eine, von unserer Lehrerin eigens für diesen Tag handgefertigte, besonders schön verzierte Kerze, ein übergroßes Lebenslicht angezündet. Dadurch erhielt die Feierstunde eine ganz besonders festliche Note. Doch Stummel und ich wurden eigentlich, was die musikalische Darbietung anbelangt, immer doppelt beschenkt.
Am Morgen unseres Ehrentages gratulierten wir uns erst einmal gegenseitig. Dabei bemerkte er alle Jahre wieder, jedoch nur zum Spaß, dass er ja immerhin zwei Stunden älter sei als ich. Danach besprachen wir dann, welches Lied wir uns wohl diesmal wünschen könnten. Da wir, Stummel und ich, im gewissem Sinn ja "Zwillinge" waren, fiel unsere Wahl stets so aus, dass wir beide doppelten Musikgenuss hatten.
Stummel war ein sanfter, nachdenklicher Junge und nicht so ein Raufbold wie die anderen. Leider hatte er kein besonders liebevolles Elternhaus.
Ich erinnere mich noch genau an unsere Schulentlassung. Wie lange hatten wir sehnsüchtig darauf gewartet, die Schule verlassen zu können, "erwachsen" zu sein. Dann war es endlich soweit; ach, wie stolz waren wir damals! Doch schon einen Tag später kamen mir erste Zweifel. Ich ging zur Schule, es war gegen 9:00 Uhr, der Unterricht hatte längst begonnen. Heute kam ich nicht zu spät, obwohl die Schultür schon geschlossen war. Es war endgültig! Für uns war kein Platz mehr in der Schule. So musste auch Stummel gedacht haben, den ich, etwas verloren wirkend, nun auch auf dem Schulhof traf. Außer uns beiden war aber sonst niemand auf diese Idee gekommen.
Nun, das ist lange her. Vor 35 Jahren zogen meine Eltern nach Kassel, weil ich dort in einer Buchhandlung meine Lehre zur Großhandelskauffrau begonnen hatte.
Stummel hat mich zu Beginn meiner Lehrzeit dort sogar einmal besucht. Voller Stolz erzählte er mir, dass er zur Marine gegangen sei und dass er auf einem großem Schiff die Welt bereisen werde. Danach verloren wir uns aus den Augen. Allerdings übermittelte mir mein Bruder noch einige Jahre danach stets liebe Geburtstagsgrüße vom Stummel. Er war längst nicht mehr bei der Marine, sondern arbeitete einige Zeit mit meinem Bruder zusammen in einer Glashütte. Doch irgendwann blieben dann die Grüße für immer aus.
Vor etwa 25 Jahren erzählte mir eine ehemalige Klassenkameradin, die ich zufällig traf, dass Stummel Ostern 1969 in der Diemel ertrunken sei. Zwei Tage später habe man seine Leiche geborgen.
Ja, und nun fahre ich öfter an meinem, richtiger gesagt, an unserem Geburtstag nach Sielen, gehe dort auf den Friedhof, bringe Stummel einen schönen Strauß frischer Sommerblumen mit und halte an seinem Grab ein wenig inne, halte Zwiesprache mit ihm, mit meinem "Zwillingsbruder" Stummel.
Brigitte Pulley-Grein
Mai 1995
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